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Die Salzgitterschen Wandermusikanten
Aus der Geschichte der Klesmer
Die Klesmer und ihre Anfänge
Die Salzgitterschen Wandermusikanten, Klesmer, waren im 19. Jahrhundert nahezu in der ganzen Welt bekannt. Kleine Harfen- und Blaskapellen, aber auch große Konzertkapellen bereisten Europa, Nord- und Südamerika, Australien und Afrika; sie spielten an Fürstenhöfen und in Herrscherhäusern ebenso wie in Gasthöfen, auf der Straße oder an den Lagerfeuern der Goldgräber in Australien und Amerika.

Bereits vor 1800 gab es viele Musikanten in Salzgitter – 1798 werden bereits mehr als 20 genannt -, aber erst nach der napoleonischen Zeit begann ihre Anzahl sprunghaft zu steigen. Das „Klesmern„ bot der wachsenden Zahl der unvermögenden Häuslinge, den Tagelöhnern und kleinen Handwerkern eine Verdienstmöglichkeit in Zeiten wirtschaftlicher Not. 1829 wurden 45, 1845 74
selbständige Musikanten in Salzgitter gezählt.
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Die Damenkapelle Sonnemann in Rußland, 1874
Dammeyer, Paniz, Baxmann, Kopmann, Vette, Cronas sind einige der ersten überlieferten Namen von Klesmern. Schon 1827 wird der Musikus Heinrich Flecks erwähnt, dessen Nachkommen den Musikantenberuf bis ins 20. Jahrhundert ausübten. Oft ging die gesamte Familie diesem Broterwerb nach, Frauen begleiteten ihre Ehemänner, die Kinder erlernten das Musizieren, sobald sie das notwendige Alter erreicht hatten.

Die ersten Musikanten taten sich zu Harfenkapellen zusammen. Die kleinste Besetzung war Harfe und Geige, manchmal kam eine Flöte oder Gesang hinzu. Daneben bildeten sich bald Blaskapellen, anfangs Quartette, ab den 1820er Jahren auch größere Unterhaltungskapellen oder Chöre, wie sie sich nannten, mit einer Stärke von 12 bis 14 Musikern oder mehr.

Das Repertoire war abhängig vom Können und Ausbildungsstand: Kleine Harfen- und Straßenkapellen beherrschten nur etwa 15 Heimat- und Volkslieder oder leichte Tänze; anspruchsvolle Chöre brachten Potpourris und Ouvertüren zu Gehör.
Der Musikchor Ritzau unter der Leitung von Wilhelm (William) Wilke in San Francisco im Jahre 1882. Der Chor hatte sich als Regimentskapelle verpflichtet.
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Aus der Heimat in die Welt
Die ersten Salzgitterschen Musikanten der Jahre 1790 bis 1812 bereisten lediglich die engere Heimat oder den nordwestdeutschen Raum. Sie spielten auf zu Hochzeiten, Tanzvergnügen und Volksfesten oder waren Straßenmusikanten. Diese Reisen bedurften keiner besonderen Finanzierung, bereits im nächsten Ort, den die Wandernden erreichten, konnte geklesmert und das für den Lebensunterhalt nötige Geld erspielt werden. Auch Dänemark, Norwegen und Schweden wurden noch zu Fuß oder mit dem Planwagen erreicht. Diese Länder waren als Reiseziele sehr beliebt, die Gastfreundschaft der Schweden und Norweger wurde gerühmt. Reisen nach Frankreich, Italien, Spanien, in die Schweiz oder nach Südosteuropa gehörten eher zu den Ausnahmen.
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Die Kapelle „C. Brill u. Comp.„ in Rio de Janeiro, 1862/63;
rechts Kapellenführer Conrad Brill, gehörte zu den weitgereisten Klesmern. Um 1854/55 spielten Brill und seine Brüder in Australien, danach bis Ostern 1858 in Indien. Danach machte sie für kurze Zeit auf der Insel Mauritius Station. Ungewöhnlich war der folgende kurze Aufenthalt in Südafrika, bevor die Kapelle sich im Dezember 1858 nach Portsmouth einschiffte. Nach längerem Aufenthalt in Südamerika kehrte Conrad Brill als Kapellenführer nach Salzgitter zurück und spielte nur noch in der näheren Umgebung.
Der Erfolg der Chöre hing weitgehend von der Tüchtigkeit des Kapellenführers ab. Dieser wurde von seinen Mitarbeitern gewählt. Oft war es der beste Musiker, der Reiseerfahrendste oder bei Familienkapellen der Vater. Auf den Namen des Kapellenführers wurde der notwendige Gewerbeschein ausgefüllt, er war verantwortlich für die Vorbereitung der Reise und die Verwaltung der Einkünfte. Lehrlinge erhielten einen Lehrvertrag, der festlegte, dass der Kapellenführer für ausreichende Nahrung, Kleidung und Ausbildung zu sorgen hatte. Die Ausbildung des Nachwuchses umfaßte zwei Etappen: die Grundausbildung durch privaten Musikunterricht neben dem Schulbesuch und die Lehrlingsausbildung nach der Schulentlassung.
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Die Lehrlingskapelle Sonnemann in Rußland, 1872
Die Kapelle Dammeyer war die erste, die 1813 nach Rußland zog, viele sind ihr gefolgt. Die Kapellen Dammeyer, Klehn und Wolter spielten am Zarenhof und den Höfen anderer Fürsten.
Für die Kapelle Sonnemann wurde Rußland nahezu zur zweiten Heimat, sie hat außer in Deutschland nur dort musiziert. Zwei der Damen aus Sonnemanns Kapelle heirateten russische Kaufleute und blieben für immer dort. Als nach der Ermordung des russischen Zaren 1881 während einer dreimonatigen Landestrauer Musikverbot herrschte, war den Musikanten die Verdienstmöglichkeit genommen und sie verließen das Land.
Die Harfenkapelle Miehe in New York, 1870
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Mexiko erstes Überseeland
Das erste Überseeland, das die Salzgitterschen Musikanten bereisten, war Mexiko. Im Jahre 1812 landete die Familienkapelle Rampe in Vera Cruz. 1816 zogen die ersten Kapellen nach Südamerika. Meist war die Ostküste das Ziel; doch gab es seit 1820 Kapellen, die die gefährliche Schiffspassage um Kap Horn nicht scheuten, um im Westen Südamerikas aufzutreten.
Schon früh gehörte Nordamerika zu den beliebten Reisezielen der Klesmer, auch Australien wurde von sehr vielen Kapellen bereist. Selbst nach China, Japan, Indien, Arabien oder Südafrika sind die Wandermusikanten gezogen. Die Überseereisen mußten sorgfältig geplant und vorfinanziert werden. Salzgitterer Kaufleute und vor allem der Bankier Sievers statteten die Musikanten mit Kleidung und Gerät und mit notwendigem Reisegeld aus. Sobald Überschüsse erpielt worden waren, schickte man größere Summen nach Salzgitter, um die Schulden abzuzahlen.

Tagebuchaufzeichnungen und Briefe geben Nachricht von den langen und oft gefährlichen Überfahrten und den Erlebnissen in der „Neuen Welt„. Überseereisen wurden mit der Hoffnung auf einen weit besseren Verdienst als in der näheren Heimat angetreten, oft mit dem Ziel, sich dort eine sichere Existenz zu schaffen und nicht zurückzukehren. Die Kapelle Rampe ließ sich in Mexiko nieder und zog einige Salzgitterer Familien nach, auch die Harfenkapelle Dienelt wanderte 1843 nach Mexiko aus. Ebenso schufen sich Klesmer in den USA und Australien eine neue Existenz. In der Heimat betätigten sich die weitgereisten Klesmer häufig als Berater für Auswanderungswillige.
Über das „Klesmern„
Viele Salzgittersche Musikanten, doch fast nur die einfachen Straßenmusikanten, mischten in ihre Sprache besondere Ausdrücke zur Tarnung gegenüber Außenstehenden. Diese Sitte wurde wahrscheinlich chon von den ersten Musikanten des ausgehenden 18. Jahrhunderts von Wanderhandwerkern übernommen. Die sogenannte Klesmersprache übernahm Ausdrücke aus dem Rotwelchsen und dem Plattdeutschen, auch viele fremdsprachliche Ausdrücke aus den bereisten Ländern. Sie war keine Vollsprache, hatte in erster Linie den Interessenbereich Musikreise, Gewerbeaufsicht, Verdienst, Essen und Trinken. Einige Beispiele: Klesmer (Musikant), funkeln (kochen, heizen), Schönna (Frau), Schallbatz (Lehrer), Bahlbinke (Bürgermeister).

Bis 1890 war diese Sprache in Salzgitter durchaus lebendig. Auch um 1920 war die Klesmersprache noch in allgemeiner Erinnerung: An den Wänden der sogenannten „Klesmerkate„, einem Wetterschutzhäuschen unweit der Vöppstedter Kirche, wurden entsprechende Verse niedergeschrieben. Diese Sprache geriet mit dem Verschwinden der Salzgitterschen Klesmer in Vergessenheit. Zwar spielten die Ehepaare Flecks und Sonnemann noch in den 1930er Jahren in Salzgitter auf, die Anzahl der Musikanten nahm gegen Ende des 19. Jahrhunderts jedoch stark ab und wurde spätestens nach dem Ersten Weltkrieg bedeutungslos. Das aufkommen „mechanischer„ Musik, vor allem aber Verdienstmöglichkeiten in der Industrie waren die Gründe. Nur wenige Musikanten haben es zu einem gewissen Wohlstand bringen können, Häuser erworben oder die Grundlagen geschaffen für ein auskömmliches Handwerk oder einen anderen Beruf.
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Sie zählen zu den letzten Klesmern Salzgitters: Ferdinand Flecks (1869-1954) und seine Ehefau Anna (1851-1943). Ferdinand Flecks erlernte das Musizieren bei der Kapelle Sonnemann und zog schon früh mit seinem Vater durch Norddeutschland, Holland und England; in Liverpool lernte er seine spätere Frau Anna kennen. Bis 1938 spielte das Ehepaar in der Besetzung Geige und Harfe regelmäßig sonntags in der Gaststätte am Hasenspring in Salzgitter-Bad.
Quelle:
Stadt Salzgitterer
Referat für Öffentlichkeitsarbeit / Amt für Kultur, Geschichte und Heimatpflege