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"Die Rente ist sicher  -  der Sozialstaat nicht!"

 

Vortrag

Prof. Dr. Gerd Bosbach

Montag 29.09.2008 14 Uhr

Saal im Gewerkschaftshaus Braunschweig Wilhelmstraße 5

Nicht die Statistik lügt, sondern ihre Interpreten

In der politisch-ökonomischen Diskussion der letzten Jahre spielte die 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, veröffentlicht im Juni 2003, eine sehr große Rolle. Fast einem Naturgesetz gleich dient die zu erwartende demografische Entwicklung als Hauptargumentation für Veränderungen im Rentensystem, aber auch für Einschnitte im Gesundheitswesen.

Franz Müntefering (SPD), Sommer 2003:

„Wir Sozialdemokraten haben in der Vergangenheit die drohende Überalterung unserer Gesellschaft verschlafen. Jetzt sind wir aufgewacht. Unsere An-wort heißt: Agenda 2010! Die Demografie macht den Umbau unserer Sozial-systeme zwingend notwendig."

Gerhard Schröder, Sommer 2003:

„Und wir müssen anerkennen und aussprechen, dass die Altersentwicklung unserer Gesellschaft, wenn wir jetzt nichts ändern, schon zu unseren Leb-eiten dazu führen würde, dass unsere vorbildlichen Systeme der Gesundheitsversorgung und Alterssicherung nicht mehr bezahlbar wären."

 

Gleich einem Naturgesetz wird angenommen, dass alles genau sowie be-rechnet in 42 Jahren eintritt. Und selbst, wenn die Vorhersagen so eintreffen würden, haben sie bei weitem nicht die Dramatik, die uns in den letzten Jahren vorgeführt wurde.

Offenbar bestehen Interessen und Verbände, die mehr vor haben und dafür Statistiken zu ihren Gunsten auslegen:

Private Versicherer, die ein großes Stück von der Rentenversicherung haben wollen; Arbeitgeber, die sich aus der paritätisch finanzierten Rentenversicherung verabschieden möchten; Politiker, die ihren Beratern aus der Versicherungswirtschaft willig folgen und die Riesterrente benutzen als breit angelegte Einflugschneise für die Privatisierung der Sozialsysteme und die bei aktuellen Problemen gerne auf die zukünftigen ausweichen; Medien, die Schlagzeilen brauchen; Bevölkerungswissenschaftler, die endlich gehört werden. Alle, die einen Sündenbock brauchen, oft um von eigenem Versagen abzulenken. Rentner, Kinderlose, vor allem „karrieresüchtige" kinderlose Frauen stehen zur Zeit hoch im Kurs.

zur Preson:

Prof. Dr. Gerd Bosbach lehrt Statistik, Mathematik und Empirie an der Fach-hochschule Koblenz, Standort Remagen. Forschungsschwerpunkte: Statistik-Missbrauch, Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsstatistik, gesundheitliche Versorgungslage Geboren 1953 in Euskirchen, hat er nach dem Mathematik -Diplom im Bereich Statistik an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln promoviert. Anschließend arbeitete er im Statistischen Bundesamt. Seit 1999 ist er als Professor tätig, erst in Ansbach (Franken) und seit 2002 in Remagen. Gerd Bosbach erhielt 2006 den Ehrenpreis des Büros gegen Altersdiskriminierung.